Mythologie

Die Mistel als heiliges Kraut der Druiden

Bereits die Griechen der Antike waren von der Mistel fasziniert und sahen diese als Zeichen von Hermes, dem Boten des Olymps und Gott der Gesundheit. Auch von den keltischen Priestern, speziell den gallischen Druiden, wurde sie als heilige Pflanze verehrt. Sie schätzten nicht nur ihre heilenden Eigenschaften, sondern glaubten auch, dass sie den Kriegern Immunität verleihe und ihnen zusätzliche Kraft schenke. Jeweils zur Winter- und Sommersonnenwende kleideten sich die Druiden in Weiss und einer von ihnen wurde auserwählt, um mit einer goldenen Sichel die Misteln zu ernten. Als besonders wirksam und begehrenswert galten jene, die auf Eichen wuchsen. Unter dem Baum wurde stets ein weisses Leinentuch aufgespannt, da die heilige Pflanze den Boden nicht berühren durfte. Fiel ein Mistelstrauch herunter, rief man den keltischen Spruch «O Ghel an Heu», was so viel bedeutet wie «Dass der Weizen gedeihe». Noch heute gratulieren sich die Franzosen zum neuen Jahr mit den Worten «Au gui, l’an neuf» («Mit der Mistel [kommt] das neue Jahr»), was eine simple Modernisierung von «Que le blé germe» und somit des oben erwähnten keltischen Spruchs ist.

Zentrale Bedeutung der Mistel

in der Mystik und im Christentum

Die Mistel hat, wie wir bereits bei den Galliern gesehen haben, nicht nur seit jeher den Ruf, Glück zu bringen, sondern auch vor Unheil zu schützen. Dies hat ihr den Namen «Gespensterrute» beschert. Vorwiegend im angelsächsischen Raum wurde ein Mistelzweig über die Haustür gehängt, um böse Geister, Hexen und Feuer fernzuhalten. Das Holz der Mistel wird in einigen Regionen noch immer «Holz des Kreuzes Christis» genannt. Dies rührt daher, dass man früher geglaubt hat, das Kreuz, an welches Jesus Christus genagelt worden war, sei aus dem Strauch der Mistel gefertigt gewesen. Im Mittelalter deuteten Christen zudem die Tatsache, dass die Blätter und Früchte der Mistel jeweils zu dritt beieinanderstehen, als Zeichen für die Dreifaltigkeit Gottes.

Lange Zeit war es den Menschen unerklärlich, wie eine Pflanze so hoch in eine Baumkrone gelangen konnte und interpretierten dies als ein besonderes Geschenk Gottes, das direkt vom Himmel gefallen war. Deshalb band man sich daraus sogenannte Hexenbesen oder das Holz wurde verwendet, um Rosenkränze, Amulette und Armreife herzustellen. Wurde mit diesen gerasselt, so glaubte man, damit das Böse vertreiben zu können. Eine in Silber gefasste Mistelbeere hatte, als Ring getragen, denselben Zweck. Zudem war sich manch einer sicher, dass unter einem Haselstrauch, auf welchem die Mistel wächst, ein Schatz vergraben sein würde.

Kissing under the mistletoe

– ein traditionsreicher Brauch

Quer durch Europa und bis nach Kanada verbreitet und beliebt ist bis heute der Kussbrauch. Eine alte skandinavische Sage erzählt hierzu, dass Baldur, der nordische Gott der Gerechtigkeit, von einem Pfeil aus Mistelholz tödlich verwundet wurde und starb. Seine Mutter Frigg, die Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit, weinte bitterlich über einer Mistel und aus ihren Tränen wuchsen weisse Beeren. Frigg vermochte Baldur zurück ins Leben zu holen. Als Geste ihrer Dankbarkeit küsste sie jeden, der unter dem Mistelzweig durchschritt und entschied, dass keiner jemals wieder unter einer Mistel Leid erfahren würde. Seither verspricht der Kuss unter der Mistel nicht nur fortwährende Liebe und Fruchtbarkeit, sondern auch Frieden. Diese Geschichte führte dazu, dass fortan selbst die erbittertsten Feinde unter einem Mistelzweig Waffenstillstand schlossen und ihren Streit für beendet erklärten. Auch bürgerte sich ein, dass sich zerstrittene Ehepaare unter der Mistel versöhnen.

Solch einen Kuss kann eine Frau übrigens nicht ablehnen, ganz speziell nicht an Neujahr. Pflückt sie zudem eine Beere, erhält sie einen Kuss, für jede weitere Beere einen weiteren Kuss. Sind keine Beeren mehr vorhanden, ist aber auch schon wieder fertig geküsst. In England werden die Beeren deshalb als «kissing balls» («Kusskugeln») bezeichnet. Der Kuss gilt als wahrer Glücksbringer. Wenn sich ein Paar an Weihnachten unter einen Mistelzweig stellt und küsst, so gilt dies als Versprechen dafür, dass die beiden heiraten und für immer zusammenbleiben werden. Im 18. Jahrhundert glaubte man in England sogar, dass eine junge Frau, die in einer Wintersaison nicht geküsst wird, gar nicht erst darauf hoffen darf, im Folgejahr zu heiraten.

Kissing under the mistletoe

…ist somit eine uralte Tradition, die sich jedes Jahr zu Weihnachten ganz besonders grosser Beliebtheit erfreuen darf.