Botanik

Verbreitungsgebiet und Arten

Die Mistel kommt weltweit bis auf einer Höhe von 1200 m.ü.M. vor und ist in Europa durch die Arten Zwergmistel (Arceuthobium oxycedri), Europäische Riemenmistel (Loranthus europaeus), Rotfruchtige Mistel (Viscum cruciatum) und hauptsächlich Weissbeerige Mistel (Viscum album) vertreten. Die Eichen- oder Europäische Riemenmistel galt bei den gallischen Druiden aufgrund ihrer Seltenheit als besonders begehrenswert. Hingegen ist die Weissbeerige Mistel in Mitteleuropa sehr häufig.
Ihre bei uns vorkommenden drei Unterarten unterscheiden sich hauptsächlich durch die bevorzugten Wirtsbäume, womit ihr Name auch Programm ist: Kiefer- oder Föhrenmistel (V.a. ssp. austriacum oder ssp. laxum), Tannenmistel (V.a. ssp. abietis) und Laubholzmistel (V.a. ssp. album). Letztere ist die einzige Art, deren Beeren rein weiss sind und auf die wir im Folgenden etwas genauer eingehen.

Vorkommen Schweiz

Am verbreitesten ist die Mistel im Churer Rheintal und im Wallis.
Insbesonders auf Apfel, Pappel, Weisstanne. Ebenso möglich auf Birke, Linde, Haselnuss, Föhre, Ahorn, Weide, Weissdorn, Hainbuche, Ulme, Robinie.

Die Mistel – ein klassischer Halbparasit

Die Mistel führt ihr Leben als Halbparasit, das heisst, sie wächst nicht eigenständig auf dem Boden, sondern auf einer Wirtspflanze. Sie bohrt ihre Wurzeln ins Holz des Wirtes und saugt die benötigten Mineralsalze und Wasser heraus. Zucker hingegen kann sie durch Photosynthese selbst herstellen. Die Tatsache, dass die Mistel bloss auf Sträuchern oder Bäumen wächst, hat die Menschen in früheren Zeiten dazu veranlasst, zu glauben, die Götter selbst hätten sie auf die Bäume gepflanzt und sie sei somit im wahrsten Sinne des Wortes ein Geschenk des Himmels. Eigentlich lag diese Vorstellung gar nicht allzu weit von der Realität entfernt, denn die Mistel kommt tatsächlich «vom Himmel»: Verbreitet wird sie nämlich dadurch, dass Vögel, speziell die Misteldrossel, die Beeren fressen. Das Wort «Mistel» kommt vom westgermanischen Ausdruck «Maisch», was so viel wie «(Tier-)Kot» bedeutet. Ihr deutscher Name sagt uns damit bereits, wie die Mistel sich verbreitet. Die Samen gelangen nämlich entweder unverdaut über den Vogelkot auf die Bäume oder die Vögel streichen den klebrigen Fruchtschleim (Viscin), der die Samen umhüllt, an Ästen von anderen Wirtsbäumen wieder vom Schnabel. Dank des Viscins (viscum lat. Leim) hat man früher aus den Beeren einen Kleber hergestellt, der beim Vogelfang eingesetzt und folgerichtig «Vogelleim» genannt wurde. Viscum album heisst also Weisser Leim.

Wachstum

Die Mistel kennt kein Oben und kein Unten und richtet sich nicht nach der Sonne, die Fruchtbildung erfolgt im Winter. Die meisten uns bekannten Pflanzen keimen unter der Erde in absoluter Dunkelheit. Ganz anders aber die Mistel; ohne das benötigte Licht würde bei ihr erstmal gar nichts geschehen. Bei der Keimung bilden die Samen sogenannte Senkerwurzeln (Haustorien) aus, welche einerseits der Verankerung im Wirt und andererseits dem Anzapfen dessen Leitungsbahnen dienen. Misteln wachsen sehr langsam. Erst im zweiten oder dritten Jahr treiben erste Blätter aus und frühestens nach fünf bis sieben Jahren blühen die Pflanzen zum ersten Mal. Die Mistel ist das ganze Jahr über grün und bildet an ihrem kurzen und leuchtend grünen Stamm gabelig verzweigte Äste, was ihr mit der Zeit eine kugelige Form gibt. Diese Kugel kann einen Durchmesser von bis zu 1 m erreichen. Da die löffelförmigen, ledrigen Blätter, welche nicht verwelken, sondern irgendwann einfach abfallen, stets in Paaren wachsen, erinnern sie stark an kleine Propeller.

Als sogenannt zweihäusige Pflanze weist die Mistel ein getrenntes Wachstum der männlichen und weiblichen Blüten auf. Ein einzelner Mistelstrauch trägt folglich stets nur Blüten des einen Geschlechts. Die Blüten wachsen im Frühjahr stiellos in den Gabelungen der Mistelzweige und werden nur einige Millimeter gross, wodurch sie relativ unscheinbar wirken. Die männlichen Blüten sind gelb, während die weiblichen etwas blasser sind und ihre Farbe von leichtem Grün bis hin zu Weiss variiert. Beide Blütenstände sondern eine Art Nektar mit orangenähnlichem Duft ab, welcher Ameisen und Fliegen anlockt, die nebst dem Wind die Bestäubung übernehmen. Ende Juni entwickeln sich langsam die erbsengrossen durchscheinenden Früchte mit dem innen liegenden grünen Embryo. Zu Advent sind die Beeren dann endlich reif und leuchtend weiss. Die Triebe bilden jedes Jahr einen Knoten, so dass sich das Alter einer Mistel durch das Zählen der Knoten ungefähr bestimmt lässt.

Situation Schweiz

Der Halbschmarotzer schwächt die Wirtsbäume und verlangsamt so das Wachstum. Versuche im Wallis haben gezeigt, dass das teilweise Entfernen der Misteln zu einem stärkeren Trieb- und Stammwachstum führt. Wenn sich bei invasivem Befall zuerst der (Apfel-)Baum und anschliessend die Misteln plötzlich gelb färben, bedeutet dies unmissverständlich, dass der Wirt nicht mehr genügend Nährstoffe zur Verfügung stellen kann und bald zugrunde gehen wird. Für die Holzindustrie und die Landwirtschaft entstehen so erhebliche Schäden. Bis anhin besteht die Prävention vor Mistelbefall durch Selektionierung von resistenten Kulturbäumen und in der manuellen Entfernung mittels Schnittmassnahmen. Das gemässigte und an Wasserläufen luftfeuchte Klima mit den unzähligen Obstbäumen und Pappeln an Wasserläufen bieten so der Mistel einen optimalen Lebensraum. Ohne massive Eindämmung dieser unscheinbaren Pflanze könnten die Folgen für die Land- und Holzwirtschaft in einigen Jahren gravierend sein.

Biodiversität

Weltweit gibt es über 1500 Mistelarten, v.a. in den Tropen und Subtropen. Diverse Insektenarten sind vollständig abhängig von ihr und für bestimmte Vogelarten wie die Misteldrossel, Star und Amsel ist die Mistel eine wichtige Futterquelle. Werden Misteln vollständig ausgemerzt, verschwinden oft auch diese Arten – somit steht die Mistel auch für eine vielfältige Biodiversität.